CONCEPT PATRIZIA GRECHT

Wie schön wäre ein zweites, ein anderes Leben!

Ich könnte all diese verbotenen Dinge tun, von denen ich schon immer träume. Mich verrückt kleiden, meinen künstlerischen Ambitionen nachgeben, mich nach Tee und Kuchen sehnen, einmal Prinzessin oder böse Hexe, oder immer ein kleines Mädchen sein.

Ich würde dieses andere Leben mitgestalten, eingreifen, ihm eine Richtung weisen oder nur Beobachter sein.

Wie herrlich wäre dies, doch hoppla – wer und wo ist das zweite Ich?

Und wer sagt mir, dass ich nicht schon all dies tue?

(Elisabeth Rass)

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=2dq-akHqGDk 

Patrizia Grecht, Play Doll, Lolly, 2012

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(N)EON 1.0

„Neon“ ein seltenes Edelgas mit der Ordnungszahl 10 und „eon“ steht im Amerikanischen für „forever“ oder „age“.

Doch auch „Neo“ = „Neu“ läßt sich aus dem Titel ableiten und die erste grafische Benutzeroberfläche „1.0“ revolutionierte die Computerwelt.

Patrizia Grecht spielt mit Neon-Licht und führt uns damit hinters Licht.

In spielerischer Auseinandersetzung mittels NEON-Farben und Formen zeigt sie die Entwicklung der Verbindungen der 1.0 NEO-Generation in den NEO-Medien auf.

Das Individuum verschwindet und findet sich verstrickt, vernetzt als EON im Cyberspace.

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, (n)eon

Patrizia Grecht, (n)eon

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DIE GESCHICHTE VON ADAM UND EVA

Hineingeboren ins Paradies mit der Unwissenheit der Geschlechtlichkeit versehen, preisen Adam und Eva den Zustand der Vollkommenheit. Nach geraumer Zeit langweilt Eva diese tägliche Routine und ihr Dasein erscheint ihr sehr eintönig. Frustriert isst sie eine Frucht vom Baum, der so strahlend schön und ebenmäßig im Paradies wächst und auch Baum der Erkenntnis genannt wird.

„Woher komme ich? Wohin gehe ich und was mache ich hier?“ – Grundfragen der menschlichen Existenz drängen sich auf.

Adam ist etwas genervt, dass er aus seinem Alltag durch Evas Fragen herausgerissen wird, aber es gefällt ihm wie sie seit neuestem ihr Haar trägt und auch die neue Freizügigkeit Evas genießt er, obwohl er nichts damit anzufangen weiß. Eva bedrängt Adam und erzählt ihm, dass sie durch die Schlange, die ein weises Tier ist, erfuhr, dass es noch andere Paradiese gäbe als dieses und er solle doch endlich auch die süßen Früchte genießen. Selbstverständlich weiß die Schlange, die ein weises Tier ist, Adams Neugierde zu wecken und unterstützt Eva in ihren Bestrebungen.

„Oh ja, welch süße Frucht, welch neues Paradies öffnet sich, welch Wonnen und Freuden mich umgeben.“ – Adam ist trunken vor Lust und Freude. So viele neue Angebote, Möglichkeiten und Lebenswelten werden sichtbar und schlagartig wird ihnen bewußt wer und was sie sind. 

Die neuen Paradiese zeigen mit schonungsloser Offenheit ihre Nacktheit und voller Scham bedecken sie diese. Das erste mal erleben sie einen Rausch der Gefühle und das Erwachen wird von heftigen Kopfschmerzen und immer wiederkehrenden Stimmen in ihrem Kopf begleitet. Adam gibt Eva die Schuld, dass dieses Paradies plötzlich so ungemütlich, langweilig und leer geworden ist. Beiden gefällt es nicht mehr an diesem Ort und so packen sie ihren kleinen Koffer und suchen ihr eigenes Paradies. Adam ist sich sicher, dass er und Eva dies gemeinsam finden werden, doch Eva ist mit ihren Gedanken schon wieder ganz bei – „Woher komme ich? Wohin gehe ich und was mache ich hier?“

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, Die Geschichte von Adam und Eva, 2010

Patrizia Grecht, Die Geschichte von Adam und Eva, 2010

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SHE’S THE BII!

Bii verschwindet nicht sang- und klanglos ins Rentenalter, sie feiert, nein sie zelebriert ihren 50. Geburtstag.

Als Bii erschien war gerade das Zeitalter der sauberen 50er Jahre des letzten Jahrhunderts angebrochen. Perfektion und Zurückhaltung waren gefragt. Wir schaffen es! Welch Zufall!

Und Bii war die ideale Frau dieser Jahre, inspiriert von Doris Day, oder war es umgekehrt, eine Traumfrau damit beschäftigt ein ununterbrochener Traum zu sein und zu bleiben.

Doch mit der Zeit war dies für Bii langweilig und die Zeit drehte sich weiter in die 60er, Bii fand es aufregend sich einem neuen Betätigungsfeld zu widmen. Hinaus in die weite Welt! 

Nicht mehr das Heimchen am Herd war gefragt, sondern die moderne, kunstinteressierte, weltgewandte, schon weitgereiste, intellektuelle Femme Fatal. 

Das Lieblingskleid war das „kleine Schwarze“ in Etui und wenn Kaiserinnen Turmfrisuren tragen, dann wieso nicht auch Bii?

„I can get no satisfaction!“ Ein Aufschrei der durch die Jugend weltweit ging und Bii war dabei. 

Wie aufregend Flower Power, Jimmi Hendrix, Janis Joplin, Drugs & Rock and Roll doch sein konnten.

Wir leben heute und „glaube keinem über 30“ – war das Lebensmotto.

Bii war dieses wilde Kind der 70er Jahre, mit Glitzeranzug like Gary Glitter und Jimmi Hendrix Frisur.

Wer denkt schon an morgen, wo doch das Heute so aufregend ist!

Es begann in Kalifornien, wo sonst konnte die Kombination aus Strand, Meer, Sonne und unerbittlicher Filmindustrie eine Gesundheitsbewegung einläuten und ein Filmstar als Hohepriesterin der neuen Frauenbewegung den

gesunden, ewig  jugendlichen Körper durch körperliche Fitness propagieren. Bii zwängte sich in Leggings und knallengen Anzügen und rückte ihren „Problemzonen“ zu Leibe.

Wer nicht mindestens 2 x wöchentlich im Fitnesscenter war und seinen Körper trimmte, war out. Selbst die Hollywood Diät erfuhr eine Renaissance. 

Eine Dekade später blieben Schulterpolster, ein neues Körperbewusstsein, Fitnesscenter, DiätassistentInnen und „Problemzonen“ übrig, aber Bii wollte mehr – sie wollte Karriere!

Hinaus in die Wirtschaft, denn gekämpft wird jetzt außerhalb des eigenen Körpers. Machiavelli und die „Kunst des Krieges“ war angesagt, Tamagotchi und die Generation X!

Bii liebte ihr Mobiltelefon, www und ihr Lieblingssatz war „keine Zeit!“. Bii lebte am Puls der Zeit und möglichst als Single.

Und heute als 50erIn liebt Bii ihr Leben, freut sich über Botox und dass Schönheitschirurgie endlich für jeden erschwinglich ist.

Genug von Globalisierung, wenn der eigene Körper der Endlichkeit entrissen werden muss. Selbst die 2 x wöchentlichen Besuche im Fitnesscenter und die ewigen Diäten zeigen nicht mehr den gewünschten Erfolg.

Bii lässt sich die Falten wegspritzen, die Schenkel absaugen und freut sich über die Errungenschaft des Einheitsbusens und dass sie jünger aussieht als je zuvor.

She’s the Bii!

And we?

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, She's the Bii!, 2009

Patrizia Grecht, She’s the Bii!, 2009

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THE HOPE (H)AIRLINES

come fly with us, let’s fly,  let’s fly away!

Genieße das Service an Bord, es ist perfekt – they say.

Come fly with us, we’ll fly, we’ll fly away!

Blauer Himmel und Sonnenschein der Hoffnung entgegen!– that’s our way.

Durch das Reich der Wolken führt Miss Temptation– nur Augen für dich!

Komm flieg mit uns, fly with us away!

Turbulenzen – don’t panic – Miss Temptation knows the way.

Come fly with us, we’ll fly, we’ll fly away!

The HOPE (H)AIRLINES is perfect, for a flying honeymoon – they say!

Into a world of sunshine, hope, blue skies, that’s our way!

Fly with the HOPE (H)AIRLINES – it’s the best – they say!

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, Hope (H)airlines, 2008

Patrizia Grecht, Hope (H)airlines, 2008

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BOTT-I-JELLY

Als Aphrodite „die Meerschaumgeborene“ , bezeichneten schon die Griechen im Altertum das Ergebnis intensiver Studien und Versuche der Götter des Olymps. „Sie ist das erste Schöne, was sich aus Streit und Empörung der ursprünglichen Wesen gegeneinander entwickelt und gebildet hat.“ (Homer)

Die Künstler der Renaissance ließen VENUS als Schaumgeborene aus dem Meer aufs Land in einer Muschel gleiten, also hinein die geheimnisvolle Substanz. Wir verlieren uns nicht in den Bildträumen der Künstler aller Epochen. Wir lassen sie zur Realität werden, ewiges Sinnbild unschuldiger innerlicher Schönheit.

Bildet sich nicht schon ein blauer Schaum? Nimmt er nicht schon Form an? 

Ganz schnell den Deckel drauf – man weiß ja nie!  Siehe da, aus Wasser und Bott-I-Jelly erschaffen, ein Wesen, Neugierde beschleicht die Zauberlehrlinge. 

War die Mischung perfekt?

Ist das Ergebnis ansehbar? Wird es all unsere Wünsche, Träume, Hoffnungen erfüllen? Ist sie diejenige aus Schaum geboren, rein und unschuldig, einer Urmutter gleich, unserer Wunschliste entsprechend?

Ganz sicher sind sich die vermeintlichen „Schöpfer“ nicht ob dies die „Schaumgeborene“ ist.

Waren die Studien nicht intensiv genug? Hätte man doch den bildnerischen Träumen der Künstler aller Epochen nachhängen sollen?

Dank BOTT-I-JELLY und einer geheimen Rezeptur zweier „Zauberlehrlinge“ wurde sie Realität, oder bleibt sie doch nur ein Wunschtraum?

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, BOTT-I-JELLY, 2008

Patrizia Grecht, BOTT-I-JELLY, 2008

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GEBEN UND NEHMEN

Die kleine „Meredith“ will sich mit vielen Farben eine eigene bunte Welt gestalten. Ganz zu Beginn zeichnet sie ein Fenster und die Sonne, einen Vogelkäfig und einen großen, dicken Raben. 

„Rodik“ der Rabe ist ganz interessiert und will natürlich auch mitgestalten. Nachdem „Meredith“ einen Tisch, zwei Lampen und einen Obstkorb erschuf, findet „Rodik“, dass „Merediths“ kleine Welt eher sehr eintönig ist und ohne Farbe. Ausgestattet mit Pinsel und ganz voller Eifer und Elan macht er sich an die Arbeit, doch er findet keine Farbe – nur schwarz. 

„Meredith“ versucht „Rodik“ zu beruhigen und zählt all die Dinge auf, die sie schon geschaffen haben und was sie noch schaffen werden und dass Farbe dabei noch keine große Rolle spielt. „Rodik“ lauscht ihren Worten und ist gar nicht glücklich, ob der Aussage, dass Farbe noch keine große Rolle spielt. 

Denn irgendwie findet er es ziemlich langweilig, so alles in weiß und schwarz.

Weiße Sonne, weiße Trauben, weiße Äpfel, weißer Tisch und vor allem stört ihm, dass er selbst, „Rodik“, ein weißer Rabe ist. Er wäre lieber schwarz und die Sonne sollte gelb sein und die Trauben blau.

Ganz nervös flattert er in dieser kleinen, schwarz-weißen Welt herum und dabei stößt er den weißen Krug mit dem weißen Wasser um. „Genug“ krächzt „Rodik“ und eilig macht er sich daran „Meredith“ ihre kleine, schwarz-weiße Welt wegzunehmen. 

(Elisabeth Rass)

Patrizia Grecht, the giving and taking, 2007

Patrizia Grecht, the giving and taking, 2007

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THE EAST SIDE STORY

Szenische Darstellung eines „Eurasian – Fairytales“ in drei Akten.

  1. SUeSHI MANGA and the House-Maki
  2. SUeSHI MANGA conserving some memories
  3. SUeSHI MANGA the Karaoke-princess – finally a star is born!

Patrizia Grecht lässt sich in Ihrer neuesten Arbeit vom immerwährenden Boom des Asien-Kults inspirieren und interpretiert ihn neu. 

Vor 150 Jahren stand das „Land des Lächelns“ als Inspirationsquelle für asiatisches Lebensgefühl zur Verfügung und fand auch in Opern und Operetten ihren künstlerischen Niederschlag. 

So hat sich dies in den letzten 50 Jahren immer mehr in das „Land der aufgehenden Sonne“ verlagert. Aus unserem Alltagsleben ist der Einfluss Japans nicht mehr zu übersehen. Wir betrachten Sushi und Maki als gesundes Fastfood. Unser Leben wird in allen Facetten als Manga oder Rorikon beschrieben und als Cosplay träumen wir unsere eigene Reality.

SUeSHI MANGA 

SUeSHI MANGA könnte ebenso eine Cosplay des Manga-Universums sein.

Doch SUeSHI MANGA ist mit einer Inbrünstigkeit und einem Drang nach Perfektion, aber auch mit kindlichem Vergnügen, SUeSHI MANGA aus dem Manga „The East Side Story“. 

Ihre Künstlichkeit unterstreicht sie gekonnt durch das puppenhafte Make up mit den stark betonten Augen und zu dem mit dunklem Kirschrot geschminkten kindlichen Schmollmund. Ihr Gesicht wird mit lichtblond gefärbten Haar und einem Kleinkinderpony hochstilisiert zu einem unschuldigen Engel. 

PATRIZIA GRECHT lässt SUeSHI MANGA ihre Geschichte erzählen, die zwischen, Lady’s Comics, Hentai und Manga liegt. 

Traditionell werden japanische Texte von rechts nach links und dabei in Spalten von oben nach unten geschrieben. Überschriften und Texte können allerdings auch in der bei uns üblichen zeilenweisen Schreibweise von links nach rechts vorliegen. Dies sollte man beim Lesen von Mangas ebenfalls berücksichtigen.

Text: Elisabeth Rass, 2006

Patrizia Grecht, SUeSHI MANGA and the House-Maki, 2006

Patrizia Grecht, SUeSHI MANGA and the House-Maki, 2006

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BAROCKESQUE

„barockesque“

„Die Fassung einer wilden Perle“ oder „Die Geburt von Luxuria“

(ein Wiener Zauberstück)

Patrizia Grecht spielt sich in ihrer neuesten Fotoproduktion mit den Widersprüchen des Barocks und transportiert diese in die Gegenwart.

Erstes Bild: Die Verführung durch PAN

In der griechischen Mythologie haben sich die Menschen durch PAN einen Verführer für ihre Träume und Sehnsüchte geschaffen. Die Sehnsucht des sich Herausputzens und Schmückens wird von „barockesque“ als göttliches Spiel gesehen, dem man sich gerne hingibt. Ihre manieristische Darstellung symbolisiert den Umbruch des vorhandenen Ordnungssystems.

Zweites Bild: Das wollüstige Spiel mit der Vergänglichkeit

In stilistischer Raffinesse und manieristischer Selbstdarstellung treibt „barockesque“ ein wollüstiges Spiel. Durch gespielte Unterwerfung gewinnt PAN die Oberhand. Die übertriebene Lebensbejahung gemischt mit Todessehnsucht und überbordend ausgeschmückte Darstellung üppiger Lebensart  und Prachtentfaltung lässt nicht über das starke Bewusstsein der Vergänglichkeit hinwegtäuschen.

Drittes Bild: Herrschaft Luxuria „barockesque“

Das vorherrschende Ordnungssystem wurde aufgelöst. Die Liebe von „barockesque“ für das Überraschende und Groteske entlädt sich im sich erschlagenden Luxus. Der Traum und die Sehnsüchte von „barockesque“ wurden erfüllt, das göttliche Spiel hat gesiegt, der göttliche Spieler verlässt den Raum – Luxuria ist geboren. Der Verstand hat gewonnen mit seinen intellektuellen Spielereien und Anspielungen.

In der „Figura Luxuria barockesque“ spiegelt sich die barocke Lebenseinstellung gepaart mit Elementen des Punk wieder. Ihr strenger, herrschaftlicher Ausdruck in Kleidung und Schmuck symbolisiert den verzweifelten Versuch dem vorherrschenden Ordnungssystem zu entfliehen.

„Doch wie bei allen Zauberstücken bleibt es dem Betrachter oder Akteur überlassen, auf welches Spiel er sich einlässt.“ (Patrizia Grecht)

Text: Elisabeth Rass, 2006 

Patrizia Grecht, Herrschaft Luxuria "barockesque", 2006

Patrizia Grecht, Herrschaft Luxuria „barockesque“, 2006

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